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Zwischen Audit-Alltag und Zukunftsvision

Letícia Herberz über Kreislaufwirtschaft und die Rolle von PlastCert  für Zertifizierungen, Rückverfolgbarkeit und Qualität

Die regulatorischen Anforderungen werden immer klarer, Begriffe präziser und Nachweise gewinnen an Bedeutung. Viele Unternehmen gestalten bereits aktiv die Kreislaufwirtschaft und stehen nun vor der Aufgabe, ihre Bemühungen auch belegbar und auditfest darzustellen – und zwar durch einen transparenten und dokumentierbaren Ablauf, der vom Eingang der Rohstoffe über den Produktionsprozess bis hin zum Ausgang der Produkte reicht.

RIGK´s Letícia Herberz bewegt sich genau in diesem Spannungsfeld. Als Umweltingenieurin, Qualitätsmanagement-Spezialistin und RecyClass-Auditorin sieht sie, wie Kreislaufwirtschaft in der Praxis funktioniert – und wo Prozesse zwar gelebt werden, aber (noch) nicht sauber dokumentiert sind.

Im Gespräch mit Letícia Herberz, RIGK-Qualitätsmanagement & RecyClass-Auditorin

Letícia Herberz von RIGK und PlastCert spricht über RecyClass-Zertifizierungen, Rückverfolgbarkeit, Qualitätsmanagement und die Zukunft der Kreislaufwirtschaft in der Kunststoffindustrie.

 

Kurz erklärt: PlastCert bei RIGK

PlastCert ist die Zertifizierungsstelle innerhalb der RIGK, die durch klare Prüfprozesse, hohe Unabhängigkeit und Akkreditierung sicherstellt, dass Unternehmen die Anforderungen an Kunststoffprodukte und -verpackungen strukturiert und verlässlich erfüllen. Die eigenständige Einheit bietet hierzu Zertifizierungen in Zusammenarbeit mit RecyClass, eine Initiative der Plastic Recyclers Europe, an. Im Mittelpunkt stehen dabei stets die Nachweisbarkeit, Nachvollziehbarkeit und konsistente Dokumentation der Erfüllung der Anforderungen.

 

„Qualität schafft Struktur – und macht Verbesserungen messbar.“

Letícia wirkt im Gespräch ruhig, sehr präzise – und gleichzeitig pragmatisch. Qualitätsmanagement ist für sie nicht „Papier“, sondern ein Werkzeug: um Abläufe transparent zu machen, Verantwortlichkeiten zu klären und aus einem Bauchgefühl ein messbares System zu entwickeln.

  • Letícia, wie war dein Weg zu RIGK – und schließlich zu PlastCert?

Letícia: "Ich habe in Brasilien Umweltingenieurwesen studiert und schon während meines Praktikums in einem Unternehmen gearbeitet, das technische Kunststoffe verarbeitet hat – vor allem PA6- und PA6.6-Granulate für Haushaltsgeräte und Automotive. Dort war ich im Bereich Operational Excellence tätig und an der Implementierung der ISO 14001 beteiligt.
Später habe ich am Projekt „Segregado Zero“ mitgearbeitet: Produktionsreste wurden in eigenen Produkten wiederverwendet – so entstand eine Linie recycelter Materialien. Nach Stationen u. a. in Vertrieb und Außenhandel bin ich nach Deutschland gezogen und habe über RIGK wieder den Einstieg in den Umweltbereich gefunden: zunächst im Rücknahmesystem PICKUP, danach im operativen Controlling und später in der Geschäftsführungsassistenz.
Mit der Gründung von PlastCert hatte ich die Gelegenheit, wieder in dem Feld zu arbeiten, in dem ich zu Beginn meiner Laufbahn gestartet bin – mit starkem Fokus auf ISO 9001, ISO 14001, kontinuierliche Verbesserung und heute auch als Auditorin für RecyClass-Zertifizierungsprozesse."

  • Was reizt dich an Qualitätsmanagement – gerade in der Kunststoffrücknahme?

Letícia: "Qualitätsmanagement erfordert Struktur und Transparenz. Es hilft, Verbesserungen zu erkennen und Effizienz messbar zu machen. Und es motiviert mich sehr, gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Bereichen an kontinuierlicher Verbesserung zu arbeiten – das vertieft das Verständnis für den Gesamtprozess.
Bei RecyClass motiviert mich außerdem zu sehen, wie engagiert Unternehmen sind, die Anforderungen zu erfüllen und sich auf die Herausforderungen der kommenden Jahre vorzubereiten."

 

Kurz erklärt: Was ist RecyClass – und worum geht’s bei den Programmen?

RecyClass ist eine europäische Initiative, die praxisnahe, sofort einsetzbare Instrumente entwickelt, die die Akteure der Kunststoff-Wertschöpfungskette dabei unterstützen, ihre Bemühungen, um eine Kreislaufwirtschaft voranzubringen. Die Grundlage der RecyClass-Aktivitäten bilden die Recyclingfähigkeit-Methodik sowie der Ansatz zur Rückverfolgbarkeit von recycelten Kunststoffen.

Im Zentrum steht dabei häufig die Rückverfolgbarkeit: Was kommt rein (Input), was passiert im Prozess – und was geht raus (Output)? Und ist das durch Daten, Dokumente und Materialflüsse nachvollziehbar belegt?

 

„Viele wissen, dass sie nachweisen müssen. Die Frage ist: wie – und womit?“

Wenn Letícia über Kundenfragen spricht, geht es selten um „ob“ – sondern fast immer um das „wie“. Die Anforderungen sind da, sie steigen, und sie sind in der Praxis oft nicht selbsterklärend. Vor allem dann nicht, wenn Lieferketten international sind und Begriffe in verschiedenen Märkten unterschiedlich verstanden werden.

  • Was sind aktuell die dringendsten Anliegen oder Unsicherheiten der Unternehmen?

Letícia: "Viele Unternehmen fragen sich, wie sie die wachsenden regulatorischen Anforderungen und Nachweispflichten konkret erfüllen können – insbesondere bei Recycled Content, Recyclingprozessen und Recyclingfähigkeit.
Sehr häufig geht es um die Dokumentation, die für den Nachweis der Rückverfolgbarkeit vom Ausgangsmaterial (Output) bis zum Eingangsmaterial (Input) erforderlich ist, um Anforderungen an Lieferanten und um die Interpretation bestimmter Begriffe, wie zum Beispiel „pre-consumer vs. by products“.
Auch die Anforderungen für die Zertifizierung von Ländern außerhalb der EU27+3 – insbesondere für Modul A (Lebensmittelkontakt) – werden in letzter Zeit verstärkt nachgefragt."

 

„Die Anforderungen sind gleich – aber kein Audit ist wie das andere.“

Wenn es um den Ablauf der Audits von PlastCert geht, wird Letícia besonders deutlich: Standardisierte Anforderungen bedeuten nicht standardisierte Realität. Ein Audit ist kein Copy-Paste. Es ist eher ein Abgleich zwischen Systemlogik und gelebter Praxis – und am Ende zählt, ob beides sauber zusammenpasst und die Anforderungen erfüllt sind.

  • Wie hast du die Ausbildung zur Auditorin erlebt – gab es Aha-Momente?

Letícia: "Die Ausbildung war sehr intensiv, weil technische, prozessuale und regulatorische Aspekte zusammenkommen. Für die Bewerbung muss man passende Ausbildung und/oder Erfahrung im Kunststoff- und Recyclingsektor nachweisen – zum Beispiel über Zertifikate und den Lebenslauf.
Nach der Annahme gibt es umfangreiche Unterlagen, einen Vortest, einen Online-Workshop zur Wiederholung und Klärung offener Fragen – und danach die Abschlussprüfung.
Nach dem theoretischen Teil ist die Praxiserfahrung entscheidend: Erfahrene Auditoren begleiten die ersten Audits, unterstützen vor Ort und beurteilen die Leistung.
Mein Aha-Moment war die Erkenntnis, dass die Anforderungen zwar gleich sind, die Kunden aber individuell betrachtet werden müssen. Wir auditieren Unternehmen mit unterschiedlichsten Produkten und Herstellungsprozessen. Manche haben eigene Recyclinglinien, andere beziehen Rezyklate extern. Einige bekommen Material in Big Bags, andere in Silos. Und manche handeln nur mit Materialien, ohne selbst zu produzieren.
Gerade deshalb ist Praxiserfahrung essenziell, um Bedürfnisse richtig zu verstehen und im Rahmen der Anforderungen korrekt einzuordnen."

  • Wie läuft ein Audit ab – und wo gibt es typische Stolpersteine?

Letícia: “Ein Audit umfasst eine Dokumentenprüfung, einen Betriebsrundgang und Interviews, um Prozesse und Nachweise vor Ort zu verifizieren. Stolpersteine können Lücken in der Dokumentation oder unklar abgegrenzte Materialströme sein – oft ist die Praxis besser als das, was bisher schriftlich festgehalten wurde.”

 

Mini-Realität aus dem Audit-Alltag

Was Letícia zwischen den Zeilen beschreibt, kennen viele aus Transformationsprojekten: Prozesse funktionieren operativ – aber das System dahinter (Daten, Verantwortlichkeiten, Versionen, Nachweise) ist historisch gewachsen. Zertifizierungen machen diese Lücken sichtbar. Und genau darin liegt oft der Nutzen.

  • „DAkkS ist für uns ein Maßstab – und für Kunden ein Vertrauenssignal.“

Die kürzlich erlangte Akkreditierung der PlastCert-Einheit versteht Letícia als einen verbindlichen Rahmen: klare Regeln, überprüfte Kompetenz, definierte Verfahren. Intern bedeutet das: eine klare Struktur. Extern bedeutet es: hoher Standard und mehr Vertrauen.

  • Was bedeutet die DAkkS-Akkreditierung für dich und euer Team?

Letícia: “Für mich ist die Akkreditierung eine Bestätigung unserer fachlichen Kompetenz und der Qualität unserer Prozesse. Für das Team stärkt sie die Rolle von PlastCert als verlässliche, unabhängige Zertifizierungsstelle in der Branche.”

  • Spürt ihr das im Alltag?

Letícia: “Wir merken, dass Kunden verstärkt nach akkreditierten Zertifizierungen fragen und das Vertrauen in unsere Leistungen steigt. Gleichzeitig arbeiten wir intern noch standardisierter und strukturierter.”

 

„Wir beraten nicht – aber wir sorgen dafür, dass Unternehmen wissen, was auf sie zukommt.“

Das Thema Beratung ist ein wichtiger Punkt für Letícia, den sie klar abgrenzen möchte: Zertifizierung ist nicht Consulting. Aber Zertifizierung ohne Orientierung ist ineffizient. PlastCert schafft daher vor allem Transparenz darüber, wie Verfahren ablaufen und welche Nachweise erwartet werden.

  • Wie unterstützt ihr Unternehmen beim Überblick über Standards und Anforderungen?

Letícia: "Wichtig ist: Als Zertifizierungsstelle dürfen wir nicht beraten, wie Kunden ihre Prozesse gestalten sollten, um die Zertifizierung zu erhalten.
Unsere Aufgabe ist, den Ablauf eines Zertifizierungsverfahrens zu erläutern, die Programme und deren Unterschiede zu erläutern und einen Überblick über die Dokumentation zu geben, die geprüft wird – damit das Vor-Ort-Audit möglichst reibungslos abläuft.
Das Vor-Ort-Audit dient dazu zu überprüfen, ob das, was in der Dokumentation beschrieben ist, in der Praxis auch tatsächlich umgesetzt wird – um anschließend eine fundierte Entscheidung über die Erteilung der Zertifizierung treffen zu können."

  • Was ist besonders gefragt?

Letícia: “Strukturierte Checklisten und Übersichten, mit denen Unternehmen ihre Daten und Prozesse geordnet aufbereiten können. Dazu kommen individuelle Gespräche und Informationsformate zu Anforderungen der RecyClass-Programme und regulatorischen Entwicklungen.”

 

„Der Kern ist Material-Tracking – vom Einkauf bis zum Warenausgang.“

Auch beim Thema Feedback wird Letícia sehr konkret: Viele erwarten einen Ablauf ähnlich klassischer QM-/UM-Audits. Der Schwerpunkt ist aber ein anderer – und das verändert, worauf Unternehmen intern schauen müssen.

  • Gab es Feedback, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Letícia: "Einige Kunden haben gesagt, sie hätten sich den Auditprozess ähnlich wie bei QM-/UM-Zertifizierungen vorgestellt. In der Praxis ist diese Zertifizierung jedoch anders aufgebaut: Der Schwerpunkt liegt auf der Rückverfolgbarkeit der Materialien – vom Einkauf des Rohmaterials und dessen Einsatz in der Produktion bis zum Warenausgang – sowie auf der entsprechenden Dokumentation und Qualitätssicherung in allen Prozessschritten.
Besonders in Erinnerung geblieben sind mir Unternehmen, die den Zertifizierungsprozess genutzt haben, um ihre internen Stoffströme und Zuständigkeiten grundlegend zu verbessern – und das hat sich in den Überwachungsaudits bestätigt."

 

„Bitte nicht erst kurz vor dem Audit anfangen.“

Laut Letícia ist es wichtig, frühzeitig mit der Vorbereitung auf die Zertifizierung zu beginnen, die eigenen Prozesse gegen die Anforderungen der jeweiligen Zertifizierung zu prüfen, und die Materialflüsse als Ganzes zu analysieren, wobei alle relevanten Abteilungen von Anfang an einbezogen werden sollten.

  • Welche typischen Fehler lassen sich vermeiden?

Letícia: “Ein häufiger Fehler ist, erst kurz vor dem Audit mit der Aufbereitung der Dokumentation zu beginnen. Ebenso problematisch ist es, nur einzelne Anforderungen zu betrachten, statt den gesamten Materialfluss und die Rückverfolgbarkeit mitzudenken.”

 

Ausblick: „Kreislaufwirtschaft wird Pflicht – und die belegbare Umsetzung essentiell“

Letícia beschreibt die nächsten Jahre nicht als „Trend“, sondern als Paradigmenwechsel: mehr Pflichten, mehr Prüfprogramme, mehr Bedarf an harmonisierten Begriffen und belastbaren Daten. Wer hier früh strukturiert, spart später Zeit und Geld.

  • Wo siehst du Chancen und Herausforderungen für PlastCert und die Branche?

Letícia: "Die größte Chance sehe ich darin, dass Kreislaufwirtschaft durch z. B. Verpackungsverordnung und Berichtspflichten immer stärker zur Pflicht wird. Unternehmen brauchen dafür belastbare, unabhängige Nachweise – etwa zu Rezyklatanteilen, Recyclingprozessen und Recyclingfähigkeit – und genau hier können akkreditierte Zertifizierungsstellen wie PlastCert eine Schlüsselrolle einnehmen.
Herausforderungen sind internationale und komplexe Lieferketten, Materialströme, die sich nicht immer sauber trennen lassen, und Begriffe wie „post industrial“, die unterschiedlich interpretiert werden. Außerdem gibt es viele parallele Programme und Standards, die harmonisiert und konsistent eingeordnet werden müssen.
Und entscheidend: Datenverfügbarkeit und Datenqualität. Ohne digitale, auditfeste Dokumentation über die gesamte Wertschöpfungskette wird es schwierig, robuste Zertifizierungen zu erteilen."

  • Wie kann die Akkreditierung nach ISO 17065 durch die DAKKS helfen, neue Standards zu setzen?

Letícia: "Die ISO 17065-Akkreditierung stellt sicher, dass unsere Zertifizierungen nach international anerkannten, streng geprüften Standards durchgeführt werden – z. B. in Bezug auf Unparteilichkeit, Auditoren-Kompetenz und einheitliche Prüfverfahren. Dadurch sind Zertifikate vertrauenswürdiger und besser vergleichbar.
Für mich bedeutet die Akkreditierung auch, dass wir uns an einem klaren Maßstab orientieren: Sie motiviert uns, Verfahren zu standardisieren, den gesamten Auditprozess und Entscheidungstreffung zur Zertifizierung umfassend und transparent zu dokumentieren und uns kontinuierlich weiterzuentwickeln."

 

„Kunststoff ist oft unterschätzt – dabei ist er ein wertvoller Rohstoff.“

Zum Schluss wird Letícia persönlich – und gleichzeitig sehr fachlich: Es geht nicht um „Kunststoff gut oder schlecht“, sondern darum, ob wir ihn als Ressource behandeln und Kreisläufe real schließen.

  • Was motiviert dich persönlich?

Letícia: "Als Umweltingenieurin ist mir ein verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen besonders wichtig. Kunststoff wird oft als „Bösewicht“ gesehen, ist aber ein wertvoller Rohstoff, der in vielen Bereichen unseres Alltags präsent ist.
An Lösungen zu arbeiten, damit Kunststoff nach seinem Gebrauch richtig gesammelt und weiterverwertet wird – und Wiederverwendung durch den Einsatz von Rezyklaten in neue Produkte zu ermöglichen –, ist ein Schlüsselfaktor, um Nachhaltigkeit zu erreichen."

Noch Fragen?

Für weitere Informationen zu Zertifizierungen und aktuellen regulatorischen Anforderungen stehen Letícia Herberz und das Team von PlastCert jederzeit gerne zur Verfügung.