„Regulierung gibt die Richtung vor – aber die eigentliche Arbeit beginnt bei der Umsetzung.“
Die regulatorischen Rahmenbedingungen in Europa haben sich in den vergangenen Jahren erheblich weiterentwickelt. Für PROs und Recyclingorganisationen bedeutet das: Die Arbeit verlagert sich zunehmend von der Frage „Wie sollten die Regeln aussehen?“ hin zu „Wie bringen wir sie in der Praxis zum Funktionieren?“.
Welche PPWR-bezogenen Themen sind für EPRO derzeit besonders relevant?
- Mike Jefferson: „Derzeit konzentriert sich ein großer Teil der Aktivitäten auf sekundäre Gesetzgebung und Umsetzung. Bis Ende dieses Jahres gibt es Fristen für sekundäre Rechtsakte zu Themen wie der Methodik für Rezyklatanteile und Nachhaltigkeitskriterien für Recyclingtechnologien. Außerdem wird an Äquivalenzregeln für Rezyklatanteile aus Drittstaaten gearbeitet – häufig als sogenannte ‚Mirror Clause‘ bezeichnet.
Parallel dazu gibt es weitere Themen, die für unsere Mitglieder relevant sind, aber außerhalb der PPWR liegen – etwa die End-of-Waste-Kriterien für Kunststoffe. Darüber hinaus laufen Diskussionen zu Fragen wie der Methodik durchschnittlicher Verlustraten, die für die Berechnung von Recyclingquoten verwendet wird.“
„In den Arbeitsgruppen machen wir Komplexität handhabbar.“
Je detaillierter Gesetzgebung wird, desto stärker können Auslegung und Umsetzung von Land zu Land variieren. In den Arbeitsgruppen von EPRO vergleichen die Mitglieder unterschiedliche Ansätze, teilen operative Erfahrungen und arbeiten an einem gemeinsamen Verständnis.
Woran arbeiten Ihre Arbeitsgruppen derzeit – insbesondere die Technical Working Group mit Blick auf die PPWR? Können Sie Beispiele nennen?
- Mike Jefferson: „Die Technical Working Group befasst sich mit technischen Themen, wobei diese heute häufig eng mit regulatorischen Fragen verknüpft sind. Gleichzeitig gibt es eine starke Verzahnung zwischen der technischen und der regulatorischen Arbeitsgruppe.
Ein aktuelles Beispiel ist die Methodik zur Berechnung von Recyclingquoten im Zusammenhang mit chemischem Recycling. Die Länder vertreten hier unterschiedliche Auffassungen, wie Recyclingquoten berechnet werden sollten. Einige warten noch auf weitere Leitlinien der Kommission. Aus Sicht der PROs ist es jedoch entscheidend zu verstehen, wie Kunststoffe, die diesen Technologien zugeführt werden, auf Recyclingziele angerechnet werden können. In einigen Ländern kann Material, das dem chemischen Recycling zugeführt wird, überhaupt nicht angerechnet werden; in anderen Ländern zählt es, aber die nationalen Methodiken können unterschiedlich oder noch unklar sein.
Ein weiterer Bereich, in dem wir gerade mit der Arbeit beginnen, ist das Recycling flexibler Haushaltsverpackungen. Mit steigenden Recyclingzielen werden flexible Verpackungen immer wichtiger – gleichzeitig sind sie komplex zu recyceln, und der Entwicklungsstand unterscheidet sich in Europa erheblich. Einige Länder sammeln und recyceln flexible Verpackungen bereits seit Jahrzehnten, andere stehen erst am Anfang. Deshalb bereiten wir eine breiter angelegte Erhebung in Europa vor, um die Situation besser zu erfassen.“
„Sammeln allein reicht nicht, wenn die Recyclingkapazitäten fehlen.“
Markt- und Infrastrukturrealitäten sind derzeit ein zentrales Thema entlang der gesamten Kunststoffrecyclingkette – insbesondere dann, wenn politische Zielvorgaben schnell steigen.
Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen?
- Mike Jefferson: „Eine große Herausforderung ist die Marktsituation für Kunststoffrecycler. Die Rahmenbedingungen sind schwierig, und wir haben bereits einen Verlust an Recyclingkapazitäten gesehen. Es ergibt keinen Sinn, Material zu sammeln und zu sortieren, wenn die Infrastruktur für das Recycling nicht nachhaltig betrieben werden kann. EPRO hat daher gemeinsam mit anderen Verbänden der Wertschöpfungskette aktiv Beiträge an die Europäische Kommission geliefert, wie die Marktsituation verbessert werden kann. Innerhalb von EPRO diskutieren wir außerdem, was PROs selbst tun können – etwa die Nutzung von Rezyklaten unterstützen oder Instrumente wie Ökomodulation einsetzen.
Eine weitere Herausforderung besteht darin, schrittweise Verbesserungen über die Zeit zu erreichen. Die Ziele der PPWR sind wichtige politische Treiber, doch sie sehen häufig deutliche Sprünge im Fünfjahresrhythmus vor. Eine zentrale Frage ist daher, wie sich eine kontinuierlichere Entwicklung von Jahr zu Jahr sicherstellen lässt – sowohl bei Sortier- als auch bei Recyclingkapazitäten –, damit Investitionen und Systementwicklung stetig wachsen können. Diskussionen über Zwischenziele können dabei eine Rolle spielen.“
„Bessere Daten sind unverzichtbar – und der Reporting-Aufwand steigt.“
Daten, Transparenz und Vergleichbarkeit gewinnen zunehmend an Bedeutung – sowohl für die Messung von Fortschritten als auch für die Umsetzung von Compliance-Anforderungen.
Welche Trends sehen Sie bei Datenerhebung und Datenqualität – und was bedeutet das für die Mitglieder?
- Mike Jefferson: „Datenverfügbarkeit und Datentiefe unterscheiden sich stark von Land zu Land. Auf nationaler Ebene ist es häufig schwierig, granulare Daten zu erhalten – beispielsweise nach Polymerart und Verpackungsformat. In einigen Ländern ist die Datenlage besser, insbesondere dort, wo PROs Eigentümer des Materials sind und es kontrollieren. In anderen Ländern ist die Granularität gering.
Die PPWR wird hier helfen, weil sie detailliertere Berichtskategorien einführt. Flexible Verpackungen werden beispielsweise zu einer eigenen Berichtskategorie, während heute viele Länder lediglich über ‚Kunststoff‘ insgesamt berichten. Dennoch kann es auch mit der PPWR Einschränkungen geben – etwa wenn Kategorien nicht immer zwischen gewerblichen und industriellen Strömen einerseits und Haushaltsströmen andererseits unterscheiden. Bessere Daten bleiben entscheidend, um Investitionsentscheidungen fundiert treffen zu können.
Aus Sicht der PROs wird das Reporting komplexer. Neben den Hauptkategorien müssen PROs möglicherweise auch nationale Berichtspflichten, Daten im Zusammenhang mit der Single-Use Plastics Directive sowie detailliertere Berichte im Rahmen von Ökomodulationssystemen abdecken.“
Wie wirken sich Konformitätserklärungen auf den Sektor aus?
- Mike Jefferson: „Konformitätserklärungen sind ein wichtiger Aspekt der PPWR. Die Industrie beginnt, sich damit auseinanderzusetzen, was das bedeutet, und entsprechende Maßnahmen in den Lieferketten umzusetzen – für viele fühlt sich das aber noch nach einer frühen Phase an. Unternehmen suchen weiterhin Orientierung und Unterstützung dabei, was sie tun müssen, um compliant zu sein, und welche Verantwortlichkeiten sie haben. PROs spielen hier selbstverständlich eine wichtige Rolle.
Das hängt auch mit Definitionen zusammen. Es gab Leitlinien der Kommission, aber weiterhin bestehen Unsicherheiten – beispielsweise bei den Definitionen von Produzenten und Herstellern. Und das wirkt sich darauf aus, wer welche Verantwortung trägt und wer was melden muss.“
Zusammenarbeit im Netzwerk: „Wissen entsteht im Austausch – nicht in Isolation.“
Angesichts steigender Komplexität ist Zusammenarbeit aus Sicht von Mike Jefferson kein „nice to have“, sondern eine operative Notwendigkeit.
Wie wichtig ist Zusammenarbeit innerhalb von EPRO und generell heute?
- Mike Jefferson: „Der Bedarf an Zusammenarbeit und Vernetzung nimmt zu – nicht ab. Die Komplexität steigt, sowohl bei den politischen Zielen als auch in der Gesetzgebung selbst. Neue Gesetzgebung muss interpretiert und anschließend umgesetzt werden. Wenn Mitglieder zusammenkommen – persönlich oder virtuell – und ihre Auslegungen und Erfahrungen austauschen, hilft ihnen das, besser zu verstehen, was passiert und wie Umsetzung effizient und wirksam gestaltet werden kann.
Gleichzeitig funktioniert es auch in die andere Richtung: Indem EPRO viele Länder zusammenbringt, können wir Erfahrungen aus der Praxis bündeln, gemeinsame Themen und Herausforderungen identifizieren und diese an die Gesetzgeber zurückspiegeln. Wir versuchen dabei, so weit wie möglich mit Lösungen auf die Gesetzgeber zuzugehen – nicht nur mit Problemen.“
RIGK & EPRO: „Aktive Beteiligung macht den Unterschied.“
Das 20-jährige Engagement von RIGK in EPRO ist eng mit der praktischen Erfahrung verbunden, die RIGK einbringt – insbesondere im Bereich Agrarkunststoffe, wo sich die Ansätze in Europa stark unterscheiden.
Wie bewerten Sie die Rolle von RIGK innerhalb von EPRO?
- Mike Jefferson: „Die Rolle von RIGK innerhalb von EPRO ist sehr wichtig – 20 Jahre Engagement sagen viel aus. RIGK bringt umfangreiche Erfahrung mit, und die Menschen in der Organisation verfügen über tiefes Branchenwissen. RIGK ist im Bereich gewerblicher und industrieller Verpackungen sowie bei Agrarkunststoffen aktiv. Mit Jan Bauer als Vorsitzendem der Agricultural Working Group spielt RIGK eine Schlüsselrolle.
Agrarkunststoffe sind ein Bereich, in dem internationaler Austausch besonders wertvoll ist. Zwar gibt es europaweit noch keine verpflichtenden EPR-Anforderungen, doch die Diskussion läuft. Mehrere Länder – darunter Deutschland, Frankreich und Irland – verfügen über eine lange Erfahrung bei der Sammlung von Agrarkunststoffen und damit über fundiertes Wissen zu operativem Aufbau, Finanzierungsmodellen, Governance und Einbindung der Wertschöpfungskette.
Das wird zunehmend wichtig, wenn Sammelsysteme für Agrarkunststoffe in Europa weiter ausgebaut werden – insbesondere in Ländern, in denen solche Systeme erst jetzt etabliert werden, zum Beispiel in Teilen Skandinaviens.“